Am langen Wochenende im Oktober (dem einzigen in Niedersachen) zog es mich schon wieder in den Pott. Ruhrpott, wie man außerhalb sagt, Kohlenpott oder Revier, wie man vor Ort sagt. Metropole Ruhr, wie man zukünftig sagen sollte? Nun, diesmal steht ein ausgiebiger Besuch im Ostpott an, wie der Dortmunder auch nicht gern hört ;) – so ausgiebig es in 4 Tagen sein kann.
Mein erster Besuch gilt dem Hafen, den ich einmal umfahren möchte, auf dem Weg dorthin geht es aber erstmal an der Westfahlenhütte vorbei. An der Bornstraße ist davon nichts mehr zu sehen, große Märkte laden zum Einkaufen, im Hintergrund noch einige Hallen, dazwischen eine Autoschlange und ein paar Mädels... hier finde ich nicht, was ich suchte: (Alte) Industrie.
Also nach links abbiegen, Richtung Hafen. Ja, auch Dortmund hat einen Hafen, den laut eines gekauften Heftchens "größten Kanalhafen Europas" – die Schifffahrtstradition ist jedoch noch älter, ist Dortmund doch eine Hansestadt – wie auch immer, heute, an einem Feiertagsnachmittag herrscht im Hafen vor allem Ruhe.
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Es kündigt sich ein ordentlicher Schauer an. Leider schaffe ich es nicht ganz rechtzeitig ins Trockene, doch so kann ich immerhin feststellen, dass mein neues Fahrrad-Regencape seine Investition wert ist! Dann trocknen und wärmen bei vorzüglichem indisch-parkistanischem Essen und danach, als es wieder trocken ist, fahre ich zur Nachtlichtführung zur Kokerei Hansa.
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Eine aufschlussreiche Führung mit schönen Bildeindrücken, die sich ob der knappen Zeit leider nicht in allzubester Sorgfalt mitschneiden lassen. Jedem Interessierten würde ich so oder so raten: selber gucken fahren ist noch eindrucksvoller als alle schießbaren Fotos ;) Am besten auch etwas früher im Jahr, die Sommerführung beginnt um 21:00h, wenn diese Zeit in der Dämmerung liegt, sind die Eindrücke etwas ganz Besonderes!
Der Rückweg führt am Schacht der Zeche Hansa vorbei, dieser ist noch in Betrieb: er wird für Materialfahrten genutzt, die unterirdischen Pumpen instand zu halten. Die Pumpen wiederum sorgen dafür, dass im Ruhrgebiet weiterhin Leben möglich bleibt und keine Seenlandschaft vor lauter Bergschäden entsteht. Leider missglückt dieses Motiv komplett, aber im Hafen, da hat es wieder geklappt :)
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Am Samstag ist wieder Sonne, und ich starte meine Reise in den Dortmunder Westen zur Zeche Zollern. Der Baustil ist Historismus, die Gebäude in rotem Klinker mit weißen verputzten Flächen, die Maschinenhalle ist Jugendstil mit Stahlfachwerk und verzierten Türen.
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Die Jugendstilhalle wird derzeit aufwändig renoviert und soll zum Jahr 2010 wieder für Besucher geöffnet werden. Der derzeitige Zustand ist traurig: das Wasser hat sich in den Stahl des Fachwerks gefressen, teile des Gemäuers sind feucht. Ein ehrgeiziges Projekt, die unter Denkmalschutz stehende Halle neu herzurichten!
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Die anderen Gebäude sind "wohlauf". Wenn auch hin und wieder durch Hochzeiten belegt, im Allgemeinen frei zugänglich; ebenso der vierbeinige Förderturm über Schacht II. Von oben hat man einen schönen Blick auf das gesamte Zechgelände und auf einiges Grün im Umfeld. – Was nicht immer so war, doch die schwindende Industrie macht nicht nur Platz für Logistik und Touristik, auch für viel Grünfläche :)
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Es ist sonnig, aber windig und kalt, da kommt es gelegen, dass auch das Innere der Zechanlage für interessierte Besucher hergerichtet ist: Es gibt eine Dauerausstellung zum Lehrbetrieb und den einzelnen Arbeiten auf Zollern sowie zum Strukturwandel im Allgemeinen, eine Ausstellung mit Fundstücken und eine zur Architektur im Ruhrgebiet und in Oberschlesien aus der Zeit der Industrialisierung.
Und da es weiterhin trocken ist, nehme ich Rad und Cam wieder zur Hand und wir machen uns auf den Weg, die mir gestern auf dem Rückweg missglückten und neu begegneten Industrienachtlichter aufzusuchen.
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Die blauen Eier sind Faulbehälter einer Kläranlage, die an der Emscher steht und das kleine Flüsschen vor einer Menge Dreck bewahrt.
Sonntag beginnt mit Regen. Heute ist eine Fotoführung auf Hansa, die ich gerne mitmachen möchte. Und trotz des Wetters ist auch dieser Ausflug lohnenswert. Der Regen bringt alles wunderbar zum Glänzen, was im Zusammenhang von Rost und Herbstlaub schöne Motive zaubert.
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Zwar hätte ich dennoch gerne buntes Herbstlaub, sonnenbeschienen vor alter Industriekulisse mit blauem Himmel und ein paar Wolken gehabt... Doch so lasse ich mich von dem beeindrucken was da ist und erschließe eine neue Bilderwelt, die meiner Cam großteils verborgen bleibt.
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Geschlossen wurde die Kokerei bereits 1992 nach 64 Jahren Betrieb. Mit einer Führung sind hier Teile der schwarzen sowie der weißen Seite begehbar – die schwarze Seite ist die Seite der Kohle, die weiße die der Chemie. Auf der Führung folgt man dem Weg der Kohle, geht neben dem ehemaligen Transportband zum Kohlenbunker, der für 2 Tage Vorrat halten konnte und durch ihn hindurch. Bei schönem Wetter geht es auf dem Dach der Öfen weiter.., heute geht es durch Sieberei und Labor überdacht zurück.
Wie ich von dem Leiter der Führung erfuhr, sollte ich mir eine Ur-Dortmunder Spezialität nicht entgehen lassen: es sei Pfefferpotthastfest. Etwas skeptisch und an Labskaus oder Calenberger Pfannenschlag denkend, ließ ich mir beschreiben, was das sei: Rind, Zwiebeln, Pfeffer, lange zusammen in einem Topf gekocht. Damit war es rein assoziativ dem Gulasch näher als meinen Befürchtungen und ich fuhr auf dem alten Markt vorbei, um es zu probieren. Und ja, ich muss das bei weitem nicht dauernd haben, aber ist essbar.
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Viel im Internet recherchiert hatte ich, was denn nun auf "Phoenix West" geschehe. Immerwieder hieß es, abgesperrt, abgerissen oder ähnliches. Glücklicherweise war ein Begleiter der Freitag-Nacht-Hansa-Tour auf dem neusten Stand und ich erfuhr, dass das Gelände zwar Baustelle sei, aber, da dort auch schon Büros in Betrieb sein, begehbar wäre. Auch erfuhr ich, dass die verbliebenen 1,5 Hochöfen mit ihren Cowpern unter Denkmalschutz gestellt sein.
Es sollte trockener werden (so das Regenradar), war scheinbar ziemlich unsichtbarer Regen, der dennoch herabfiel. Für mich war er so deutlich sichtbar, dass ich nicht einmal die Hälfte des Fernsehturms ausmachen konnte, als ich nahezu davor stand. Damit starb der Plan, zunächst von diesem aus einen Blick auf den Rest des Hüttenwerks Phoenix zu werfen. Den Zugang fand ich dank der Freitag erhaltenen Beschreibung dennoch. Und irgendwann konnte ich in der Tat "auf Sicht" fahren!
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Während meiner Runde um die Öfen regnete es kaum, doch leider war ziemlich viel Betrieb auf der Baustelle.. den Baustellen?, aber auch die matschigen und rutschigen Böden verleiteten mich nicht zu einem ausführlichen Streifzug. Aber immerhin: ich habe vielleicht irgendwann nochmal die Möglichkeit, denn sie bleiben stehen!
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Nach so viel Regen nähere ich mich dem Gelände der Westfalenhütte nochmal von der anderen Seite: Dort befindet sich das Hoesch-Museum, das mit Bild, Text und Film – und im Trockenen – die Stahlgeschichte von Dortmund erläutert. Diese ist stark von der Familie Hoesch mitgestaltet, bis das vielseitige Unternehmen im Jahre 1991 von Krupp übernommen wird.
Interessant sind auch die beiden aktuellen Sonderausstellungen: eine Fotodokumentation der im Rückbau befindlichen Gichtgasleitungen und eine Ausstellung von Fotoverfremdungen auf Grundlage von Bildern der Reste des gerade besuchten Phoenix-Areals.
In DO ist die Stahlzeit vorbei, keine Zeche fördert mehr Kohle, kein Hochofen kocht mehr Stahl. Die Luft ist sauber und wenn man mal nichts sehen kann, liegt das am Wetter ;)
Einmalig in Dortmund waren die Gasleitungen, die sich wie Schlangen durch "die halbe Stadt" wanden und die Industriestandorte verbanden. Auch sie werden nun nicht mehr gebraucht und abgebaut. Und zu guter letzt verschwindet auch im Innenstadtbereich noch ein bisschen des Alltagsstahls aus dem Blickfeld: Seit April diesen Jahres fährt auch die letzte Straßenbahn unterirdisch.
Als externer Betrachter sehe ich in DO eine vielseitige Stadt, die den Strukturwandel lebt und sich erfolgreich in die Zukunft aufmacht; und dabei ganz selbstbewusst zu ihrer "kohlenschwarzen" Vergangenheit steht.